{"id":160,"date":"2020-10-18T00:08:45","date_gmt":"2020-10-17T22:08:45","guid":{"rendered":"https:\/\/aurelin.de\/?p=160"},"modified":"2020-10-18T00:08:45","modified_gmt":"2020-10-17T22:08:45","slug":"house-of-the-rising-sun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aurelin.de\/?p=160","title":{"rendered":"House of the Rising Sun"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap has-text-align-left\">ich habe ein Haus, ich wei\u00df gar nicht mehr, wann ich es gebaut habe. ich glaube den Grundstein daf\u00fcr habe ich als 8-j\u00e4hriger gesetzt, und ich wohne darin seit ich anfing zu rauchen, also seit meinem 17ten Lebensjahr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Hinter meinem Haus erstreckt sich eine weite Landschaft bis zu den Bergen hin, an deren schneebedeckten Gipfeln das Licht zuweilen silbern und purpurn, an klaren Tagen mitunter auch golden leuchtet.\u00a0<br>Dazwischen schmiegen sich weite Wiesen an duftende und geheimnisvolle W\u00e4lder, an deren Bachl\u00e4ufen scheue Undinen leben, die man manchmal aus den Augenwinkel wahrnehmen kann.<br>Leichter zu entdecken sind die Sylphen, deren Tanz zwischen den B\u00e4umen mir immer als Flimmern in der Luft offenbar wird, eine meiner fr\u00fchsten Erinnerung \u00fcbrigens.<br>Auch die Waldgeister sind mir vertraut, aber fr\u00fcher noch kamen sie zu mir, als ich noch unbefangen war, und niemandem erz\u00e4hlt hatte von dem was ich sehe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Als ich davon in der Schule berichtete, erkl\u00e4rte man mir, dass das nicht stimme, dass wirklich nur sei, was man anfassen und was alle sehen k\u00f6nnten.<br>Diejenigen Erwachsenen, die mir wohlgesonnen waren, zeigten sich besorgt \u00fcber meine Phantasie, andere vertraten andere Urteile.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Aus solcherlei Urteilen ist mein Haus gebaut, wobei zugegebener Ma\u00dfen die meisten dieser Urteile von mir stammen. Dem Putz ist die Mauer nicht anzulasten und bisher vermochte niemand mich so zu hassen wie ich mich selbst.<br>Das ist auch einer der Gr\u00fcnde, weshalb ich selten zuhause bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Viel lieber bin ich drau\u00dfen. Am Liebsten liege ich auf einer der Wiesen hinter dem Haus und betrachte das Wogen von Halmen, \u00c4hren und Bl\u00fcten im Wind. Gerne verliere ich mich im Anblick still vor\u00fcberziehender Wolken, und wenig vermag mich mehr zu bes\u00e4nftigen als das Fl\u00fcstern des Windes in den B\u00e4umen.<br>B\u00e4ume sind die friedlichsten Gesch\u00f6pfe auf Erden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Auch in den Bergen war ich schon, mehrfach sogar.\u00a0<br>Dort in der Stille ber\u00fchrte ich den Himmel und sprach zu den Sternen.<br>\u00dcbrigens ist den Sternen unsereins vollkommen gleichg\u00fcltig. Sie waren schon da, bevor die Dinosaurier unsere Welt erkundeten, und sie werden noch da sein, wenn nichts mehr an eine Menschheit erinnert. So wie ihr Licht \u00c4onen brauchte, um \u00fcberhaupt zu uns gelangen, wird auch unser Licht \u00c4onen brauchen, um sie zu erreichen. Und was werden wir anderes sein als ein Wimpernschlag in der Wahrnehmung einer So-heit, die ihre Existenz in Milliarden terranischer Jahre misst?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Dem Licht selbst sind wir nicht egal, aber von Licht, Himmeln und dem Kosmos mag ich an dieser Stelle nicht weiter sprechen.<br>Was wei\u00df ich schon davon?<br>Je mehr ich zu wissen vermeine, desto klarer wird mir, wie viel ich noch zu lernen habe, und wenn ich mir ansehe, wo mein Haus steht, dann wird deutlich, dass da noch viel Luft nach oben ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Oft sitze ich dort rauchend auf der Veranda, oder stehe ans Gel\u00e4nder gelehnt, unter mir der Abgrund, in den ich mich als 8j\u00e4hriger dann doch nicht gest\u00fcrzt habe. Er ist immer geblieben, er war immer da. Als Verlockung, als Tal grenzenlosen Selbstmitleids, aber auch als Kristallisationspunkt von Freiheit.<br>Im Angesicht des Todes wird das Leben sehr deutlich, und unbestritten auch sehr lebendig.<br>Aber es stimmt auch, was Nietzsche sagte: starrst Du lange genug in den Abgrund, starrt der Abgrund irgendwann zur\u00fcck.<br>In solchen Momenten pflege ich meine Zigarettenkippen hinein zu schnipsen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Ich w\u00fcrde mein Haus gerne verlassen, und mich anderswo niederlassen.<br>Jahrelang zog ich deshalb umher, zwischen den Weiten der Ebene und dem Gebirge, allein sesshaft vermochte ich nicht zu werden.<br>Du kriegst den Jungen aus dem Ghetto, aber das Ghetto nicht aus dem Jungen.<br>Aber ist das wirklich so? <br>Ist das wirklich genau so?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">ich glaube das nicht, ich glaube an &#8218;Narrativium&#8216;.<br>es ist was, was es ist, denke ich, aber es war und wird sein, wof\u00fcr man es h\u00e4lt.<br>Leben ist lebendig, aber \u00fcber den Augenblick hinaus, der schon schwer zu erfassen ist, ist Leben Geschichte, ist Leben Erz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Ich wohne nicht in einem Haus am Abgrund. Ich war dort, ja. Aber ich lebe nicht dort, ich lebe hier. Ein hier \u00fcbrigens, das im Laufe meines Lebens derart h\u00e4ufig&nbsp;&nbsp;den Wohnort gewechselt hat, das selbst Einwohnermelde\u00e4mter das schon als Wanderschaft bezeichnen k\u00f6nnten. Auch macht es einen Unterschied, ob man sein Leben als Wanderschaft begreift, oder als H\u00e4uslesbesitzer, besonders wenn man bedenkt, das alles endlich ist in jener Welt, die man mich als die Wirkliche zu verstehen lehrte. Nach meinem Ableben will ich dem Tod lieber von einer Wanderschaft berichten, als von Immobilienbesitz, ganz gleich ob in der Schlossallee oder der Bahnhofstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">H\u00e4user wie R\u00e4ume aber entstehen durch Grenzen, Grenzen letztendlich dessen was wir f\u00fcr m\u00f6glich halten um demjenigen Raum zu geben, was wir als notwendig erachten.<br>Aber das bin nicht ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Ich bin. Ich bin ich, ich bin Du, ich bin Aurelin, ich bin Schriftsteller.<br>Ich erfinde Geschichten und erz\u00e4hle sie mit Worten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Menschen hinterfragen Geschichten meist nach ihrem Wahrheitsgehalt, aber es gibt keine Wahrheit, das hei\u00dft es gibt durchaus eine Wahrheit, wir aber haben nur eine Vorstellung davon, und wenn wir \u00fcber Wahrheit sprechen, haben wir sie nur als sehr begrenztes Modell, eines das zudem meist strittig ist, und wie k\u00f6nnte so etwas wie echte Wahrheit strittig sein?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Wirklichkeiten, die haben wir. Jeder seine eigene, aber auch die ist nur Geschichte. Sie war Geschichte, ist faktische Realit\u00e4t im jeweiligen Hier &amp; Jetzt, und Fiktion in der Zukunft. Eine Datenspur mit Zeitlinie. Hochkomplex und gleicherma\u00dfen total simpel. Ein geheimnisvolles Mysterium wie das Universum selbst, hinterlegt in Banalit\u00e4ten, tausendmal schon gesehen, tausendmal schon geh\u00f6rt, wie langweilig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Unterdessen sitze ich auf meiner Terrasse unter dem Dach des Balkons \u00fcber mir und rauche. Es regnet. In den meisten Fenstern um mich herum ist es dunkel, nur in einem noch wird in bl\u00e4ulichen Flackern irgendein Konflikt ausgestrahlt.<br>Wir alle tr\u00e4umen, immerfort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Auf meinem Bett liegt mittig, so dass f\u00fcr mich kaum noch Platz bleibt, mein Kind und schl\u00e4ft, und in seinem linken Arm schl\u00e4ft Mama Eselchen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/aurelin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7AD4B1E5-F06F-4A94-B59C-FBF8A8B46B57-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-161\" srcset=\"https:\/\/aurelin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7AD4B1E5-F06F-4A94-B59C-FBF8A8B46B57-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/aurelin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7AD4B1E5-F06F-4A94-B59C-FBF8A8B46B57-225x300.jpeg 225w, https:\/\/aurelin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7AD4B1E5-F06F-4A94-B59C-FBF8A8B46B57-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/aurelin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7AD4B1E5-F06F-4A94-B59C-FBF8A8B46B57.jpeg 1536w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Erinnerst Du Dich noch an Dein wichtigstes Kuscheltier? wei\u00dft Du noch, wie es hie\u00df? lebt es noch?<br>Wir alle tr\u00e4umen, immerfort.<br>und ich sitze zwei Meter weiter, in der Rechten eine Zigarette, vielleicht wieder eine dieser Letzten und betrachte dieses rote Gl\u00fchen in der nasskalten Nachtluft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Irgendwo habe ich ein Haus am Abgrund, in dessen Keller gerade die Sonne aufgeht, eine House of the Rising Sun.<br>Ich muss das Haus gar nicht abreissen, kein Staub, keine Plackerei. Die Sonne strahlt es in die Unendlichkeit ab, wo es nach wie vor den Sternen am Arsch vorbei geht.<br>Es gibt keine Grenzen, es gibt nur eine Geschichte, die wir schreiben.<br>Ich war noch nie jenseits der Berge, nie bin ich \u00fcber den Horizont hinaus gegangen. Aber wenn Zeit nicht jetzt ist?<\/p>\n\n\n\n<p>wann dann?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ich habe ein Haus, ich wei\u00df gar nicht mehr, wann ich es gebaut habe. ich glaube den Grundstein daf\u00fcr habe ich als 8-j\u00e4hriger gesetzt, und ich wohne darin seit ich anfing zu rauchen, also seit meinem 17ten Lebensjahr. Hinter meinem Haus erstreckt sich eine weite Landschaft bis zu den Bergen hin, an deren schneebedeckten Gipfeln [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/160"}],"collection":[{"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=160"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/160\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":162,"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/160\/revisions\/162"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/aurelin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}